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Balu trifft Herzenshunde

Assistenzhund Emily & Madeleine

„Emily bedeutet mir mein Leben“

Und das ist wörtlich zu nehmen. Denn ohne die Labradorhündin Emily, könnte Madeleine nicht oder nur schwer ihren Alltag bewältigen. Seit viereinhalb Jahren ist Emily an der Seite der 21jährigen und hilft Ihr zurück ins Leben zu finden.

Emily und Madeleine sind seit 2013 ein Team

Madeleine leidet seit Ihrer Kindheit an ADS, einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom und an ADHS, wodurch sie zusätzlich hyperaktiv ist. In ihrer Jugend kam noch Magersucht hinzu und später stellte man eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) fest.
Als sie mit 15 vor Entkräftung kaum die Treppen zum Klassenraum nehmen konnte, musste Madeleine zum ersten Mal in eine Klinik. Es folgten drei Jahre in verschiedenen therapeutischen Einrichtungen.
Zwischenzeitliche Versuche der Wiedereingliederung auf der staatlichen Schule funktionierten nicht. Sie fiel immer wieder zurück in die Magersucht.

Durch ihre Erkrankungen war sie immer etwas lauter und energischer als die anderen und kam mit ihren Mitschülern schlecht zurecht. Sie kann nur schwer Nähe, Umarmungen zulassen, wird verfolgt von Panikattacken und Ängsten.

Zuhause war Madeleine ihr Leben lang umgeben von Tieren. Hasen, Katzen, Hunden, Meerschweinchen, Schildkröten – ihre Mutter brachte als Tierarzthelferin Pflegefälle mit. Die Sprache der Tiere verstand Madeleine immer schon besser, als die der Menschen. Ihre Therapeutin wusste von Madeleines Tierliebe und riet ihr zu einem eignen Hund.

Madeleine trainiert schon immer gerne Tiere. Hier Emily mit Hunden aus der Nachbarschaft

Emily kam 2013 in die Familie. Seit dem Sommer 2017 ist sie Assistenzhund in Ausbildung. Sie war und ist Madeleines größte Motivation wieder gesund zu werden und ins Leben zu zurück zu finden.

Was war der Auslöser mit Emily die Ausbildung zum Assistenzhund zu machen?
Seit einem Jahr weiß ich, dass ich eine posttraumatische Belastungsstörung habe. Seit einem halben Jahr kann ich ein wenig drüber sprechen. Ob ich jemals ganz drüber sprechen kann oder will, weiß ich nicht. Durch das Trauma habe ich Flashbacks. Die Ängste, die ich eh schon hatte wurden noch schlimmer. S-Bahn fahren oder in ein Einkaufszentrum gehen, an einer Kasse stehen – Das alles war nur noch in Begleitung möglich. Und verbunden mit großer Angst. Mit der Erkenntnis über das Trauma beschäftigte ich mich mit dem Thema „Assistenzhunde“. Der Assistenzhund wird ganz gezielt auf den Menschen, also auf eine Person trainiert. Er hat dann eine ganz spezielle Assistenzaufgabe, die er ausführen muss.

Emily und Madeleine bei einem Besuch im Einkaufszentrum

Wie sieht die Ausbildung zum Assistenzhund genau aus?
Es gibt keine einheitliche Regelung zur Ausbildung. Der Hund muss ein entsprechendes Wesen mitbringen. Er muss sich in der Öffentlichkeit bewegen und an jeden Ort mitgenommen werden können, ohne abgelenkt oder gar aggressiv zu werden. Hund und Mensch werden in all dem zusammen trainiert. Der Mensch muss den Hund voll unter Kontrolle haben. Die Assistenzaufgaben werden an die Bedürfnisse des Menschen angepasst und während der Ausbildung zusammen erarbeitet. Am Ende gibt es eine Prüfung, in der Mensch und Hund sich als Team beweisen und sie mindestens drei Assistenzaufgaben zeigen müssen.

Auf das Kommando „Kuckuck“ stellt sich Emily zwischen die Beine von Madeleine

Welche Assistenzaufgaben muss Emily können, um Dir zu helfen?
Bisher konnte ich z.B. nicht alleine und nur unter Hochanspannung an einer Kasse anstehen. Sobald sich jemand hinter mich in der Schlange angestellt hat, musste ich aus der Situation raus und habe mich erneut in eine andere Kassenschlange gestellt. Bis ich bei der Kassiererin war, konnte es also dauern. Deswegen habe ich zusammen mit meiner Ausbilderin das Kommando „Kuckuck“ eingeführt. Um Abstand zwischen den Menschen in einer Schlange zu schaffen, stellt sich Emily dann zwischen meine Beine und guckt vorne und hinten etwas raus. Ich spüre sie und das gibt mir Sicherheit. Ähnlich ist es beim Bahn fahren. Emily beobachtet mich währenddessen sehr aufmerksam. Falls ich eine Panikattacke bekomme. Sie sitzt zwischen meinen Beinen oder neben mir.
In der Assistenzhundeausbildung wird sie auch auf den Panikattackengeruch konditioniert. Ich schütte während und auch kurz vor einer Attacke einen bestimmten Stoff aus. Zum Trainieren benötige ich ein T-Shirt, in dem ich eine Panikattacke hatte, ein normal getragenes und ein frisch gewaschenes T-Shirt. Emily lernt zwischen den dreien zu unterscheiden. Das richtige T-Shirt wird positiv bestätigt.

In der S-Bahn beobachtet Emily Madeleine ganz genau

Dann lernt sie die Anzeige. Diese kann ganz unterschiedlich aussehen. Anstupsen, anspringen oder bellen. Emily lernt als Anzeige das Bellen und auf Kommando die Notfalltasche zu holen. Für die Hochanspannung gibt es Beruhigungskommandos wie die Brücke. Dabei legt sie sich über mich.

Wie lange dauert die Ausbildung?
Normalerweise zwei Jahre. Da Emily schon einen sehr guten Grundgehorsam in jeglichen Alltagssituationen hat, konnten wir in der Assistenzhundeausbildung direkt mit den Assitenzhundeaufgaben beginnen. Da sie mich schon von Anfang begleitet, war sie vertraut mit besonderen Situationen wie große Menschenmassen, Schulalltag und S-Bahn fahren. Das würde man in der Ausbildung eigentlich noch alles lernen. Seit August sind wir dabei und im März ist die Prüfung.

 Wie teuer ist die Ausbildung?
Ganz unterschiedlich. Vita Dogs, der wohl bekannteste Ausbildungsverein rechnet zwischen 20.000 und 25.000 Euro. Diese bieten aber nur Fremdausbildung an. Das heißt der Hund lebt die ersten Jahre bei der Trainerin und wird nachher mit dem Assistenznehmer zusammen geführt. Die meisten Vereine sind sehr weit weg von Stuttgart, wo ich wohne. Gott sei Dank bin ich im Internet auf den Verein „Hundenatur“ anderthalb Stunden von uns entfernt gestoßen. Dieser bietet die Selbstausbildung an. Dabei belaufen sich die Kosten auf etwa 2.000 bis 5.000 Euro.

Wie hat sich Dein Leben mit Emily verändert?
Von Anfang an schenkt mir Emily Selbstvertrauen. Sie hat mich sofort überall hin begleitet. Zur Therapie und in meine neue Schule, die ich nach meinem letzten Klinikaufenthalt besuche. Die Waldorfschule in Fellbach. Dort interessierte sich die Lehrerin direkt am ersten Tag für mich, fragte nach meiner Erkrankung und was sie alles beachten muss. Als ich ihr von Emily erzählte war sie sofort begeistert und meinte „Bring sie mit“.

Emily hat ein eigenes Körbchen im Klassenraum, darf sich aber auch frei bewegen

Wie haben die anderen Schüler reagiert?
Es gab auch Mitschüler mit Hundephobie, doch da Emily sehr gut trainiert war machte sie auf das Kommando „Zurück“ einen Bogen um diese Schüler. Das hat schon mal Vertrauen geschafft. Heute können alle Mitschüler Emily streicheln, sogar Leckerlies geben. Spätestens nach meiner ersten Attacke waren eh alle sehr froh, dass ich den Hund dabei hatte. Mittlerweile ist sie ein vollständiges Klassenmitglied und wird sehr vermisst, wenn wir mal nicht da sind.

Emily ist ein vollständiges Klassenmitglied

Was war das für eine Attacke?
Das war ein Wutausbruch, weil ich überfordert war. Kommt von der Erkrankung ADHS. Das passiert meist, wenn ich mit der Situation überfordert bin oder wenn ich zu viele Aufgaben auf einmal übertragen bekommen. An manchen Tagen kommen auch viele Kleinigkeiten zusammen. Normalerweise hat ein Mensch eine Grundanspannung von etw 30%, wenn er morgens aufsteht. Ein ADHSler hat oftmals schon eine Grundanspannung von 40 oder 50%. Daher ist die Hochanspannung schneller bei 70% und ab hier sind Handlungen nicht mehr regulierbar und auch die Entscheidungsfähigkeit ist stark eingeschränkt.
Bei einem Wutausbruch knalle ich dann z.B. meinen Kopf gegen die Wand. Ich heule heute noch oft, wenn ich mit 21 noch einen Wutausbruch kriege, da mir solche Situationen unglaublich peinlich sind.

Wie hilft Dir Emily in so einer Situation?
Emily kommt bei so einem Ausbruch zu mir und beruhigt mich damit. Früher hat sich diese Anspannung über Stunden gehalten. So lange bis ich vor Erschöpfung eingeschlafen bin. Nach so einem Wutausbruch musste ich direkt nach Hause gehen und konnte nicht mehr am Alltag teilnehmen. Heute legt sich Emily zu mir und ich komme innerhalb von Minuten runter. Durch mein PTBS bekomme ich auch häufig Panikattacken. Bei denen fange ich an zu krampfen oder bekomme Atemnot. In dieser Situation holt Emily die Notfalltasche mit den Medikamenten.

Emily beruhigt Madeleine bei einer Panikattacke , in dem sie sich als „Brücke“ über sie legt

Madeleine geht offen mit ihren Erkrankungen und Einschränkungen um, damit die Leute sie besser verstehen. In der Öffentlichkeit hörte sie oft Sprüche wie „Die ist doch verrückt“ oder „Die hat doch einen „Knacks“. In schlimmen Fällen machten die Leute sogar Fotos und Videos, wenn sie einen Emotionseinbruch hatte.

Seitdem Emily Madeleine begleitet reagieren die Mitmenschen anders auf sie. Die Erkennungsdecke sorgt zusätzlich für Verständnis. Vorher konnten man ihr die Krankheit nicht ansehen. Also war sie auch nicht krank, sondern einfach nur verrückt.

Es bedarf allerdings noch viel mehr Aufklärungsarbeit, sagt Madeleine. Denn häufig wird ihnen der barrierefreie Zugang trotz der Sonderregelung verweigert.
Durch den Gleichstellungsparagraphen kann Emily überall hin mitgenommen werden. Auch an öffentliche Plätze, wie eine Galerie, in der sie vor ein paar Tagen waren. Früher hätte sie die nicht alleine besuchen können. Dadurch kann sie wieder ein Stück weit am Leben teilnehmen.

Meine liebe Madeleine, eigentlich wollte ich einen Artikel über Emily den Herzenshund schreiben. Nun bin ich dankbar, dass ich viel mehr Dich, einen Herzensmenschen kennenlernen durfte.

Du bist einfach toll und Du kannst stolz auf Dich sein!

Für alle die Madeleine & Emily folgen wollen: Ihr findet sie bei Instagram unter daily.emily

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  • Reply
    Lisa
    27. Dezember 2017 at 9:39

    Wow, dieses Interview ist so schön! Du hast es einfach so schön zusammengefasst und ausgedrückt, man hat das Gefühl jetzt genau über Emily und Madeleine Bescheid zu wissen und man kann sich richtig gut in deren leben hineinversetzen und Verständnis aufbringen! Wundervoll❤️?

    • Reply
      balufromtheblog
      27. Dezember 2017 at 10:49

      Vielen lieben Dank Lisa!

  • Reply
    Sonja
    27. Dezember 2017 at 10:03

    Der Beitrag ist mit so viel Herz und Liebe geschrieben, wirklich fantastisch, besser hätte man die Geschichte von Madeleine und ihrer Begleiterin Emily nicht schreiben können??. Ein wirklich gelungener Beitrag?.

    • Reply
      balufromtheblog
      27. Dezember 2017 at 10:50

      Das freut mich sehr. Danke liebe Sonja!

  • Reply
    Chirine Gramke
    27. Dezember 2017 at 10:10

    ❤ Dank an Madeleine und Emily, die mir durch das Interview einen Einblick auf ihrem gemeinsamen Weg gewährt haben.
    ❤ Dank an Martine, dass sie dies so toll in Worten zum Ausdruck gebracht hat.
    ? Ich bin sicher, dass Madeleine und Emily die Herausforderungen des Lebens gemeinsam gut meistern werden.
    Alles Liebe
    ?❤Chirine

    • Reply
      balufromtheblog
      27. Dezember 2017 at 10:59

      Liebe Chirine, ich glaube auch ganz fest an Madeleine und dass sie ihren Lebensweg geht. Sie ist so toll!

  • Reply
    Megan & Polli ?
    27. Dezember 2017 at 10:41

    Danke für diesen wunderschön geschriebenen Beitrag, ich finde es immer so unfassbar interessant zu lesen, wie Hunde einem Menschen auf verschiedenste Weisen wieder zurück ins Leben helfen ?

    Madeleine, du bist ein unheimlich starkes und tapferes Mädchen und du hast meine vollste Bewunderung für das was du jeden Tag mit Emily meisterst ?

    Das ging mir alles wirklich nah, Danke dass du so viele Menschen an deinem Leben auf diese Art teilhaben lässt! ❤️

    Ganz liebe Grüße,
    Megan und klein Polli ?

    • Reply
      balufromtheblog
      27. Dezember 2017 at 11:01

      Danke Megan & kleine Polli 🙂 Ich bin auch schwer begeistert von Emily und ihrem Können! Das hat sie alles Madeleine zu verdanken, die so bewundernswert mit Tieren umgehen kann. Einfach ein beeindruckendes Team!!!

  • Reply
    Laura
    28. Dezember 2017 at 17:31

    Ein sehr sehr schöner Blogbeitrag ??und eine unfassbar berührende Geschichte ???! Ich verfolge Madeleine und Emily schon seit ungefähr 1 Jahr über Instagram doch so habe ich die Hintergrundgeschichte noch besser kennengelernt. Sie sind einfach ein Dreamteam ?besser kann man es einfach nicht beschreiben ?

  • Reply
    balufromtheblog
    28. Dezember 2017 at 22:33

    Vielen Dank Laura! Für alle anderen: Madeleine und Emily findet Ihr bei Instagram unter daily.emily

  • Reply
    Anni
    29. Dezember 2017 at 12:20

    Ein Beitrag der zu Tränen rührt… Es ist unglaublich was manche Menschen durch machen müssen und dann noch in so jungen Jahren… Und ich finde es verdammt beeindruckend wie sie sich zurück ins Leben kämpft und Emily ihr dabei so toll hilft. Tiere sind unbezahlbar… Wer die Treue eines Hundes einmal kennen lernen durfte, wird es nie mehr missen wollen. Bei den beiden ist es natürlich nochmal etwas ganz besonderes. Ich hoffe sehr, dass sich Assistenzhunde mehr und mehr durchsetzen und besser anerkannt werden. Ein wirklich toller Beitrag! Lg Anni und Bruno

    • Reply
      balufromtheblog
      31. Dezember 2017 at 10:50

      Liebe Anno,lieber Bruno 🙂 Danke für den Kommentar. Es ist so schön Eure Worte zu lesen. Ganz liebe Grüße und ein gesundes neues Jahr 2018!!

  • Reply
    Will ich nicht öffentlich machen
    30. Dezember 2017 at 20:26

    Sooo unglaublich rürend und die geschichte stimmt teilweise auch mit meiner überein, es gibt mir einfach so unglaublich viel Kraft zuhören das man nicht allein ist, auch wenn Madeleineschon etwas älter als ich ist.

    • Reply
      balufromtheblog
      31. Dezember 2017 at 10:53

      Danke für Dein Worte! Das positive Feedback gibt auch Madeleine ganz viel Kraft. Wir freuen uns sehr und wissen, wie viele Geschichten dort draussen zu erzählen wären, aber nicht alle für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Wir drücken Dich und wünschen ein gesundes neues Jahr!

  • Reply
    Berichte über Assistenzhunde - Ausgabe 2-2018 - update! ~ Profihund
    23. Februar 2018 at 18:54

    […] Lesetipp: Eine ausführliche, informative und sehr schöne Reportage im Blog „Balu from the Blog“ von Martina Etterich über Emily (PTBS-Assistenzhund) und Madeleine mit dem Titel: „Assistenzhund Emily & Madeleine: Emily bedeutet mir mein Leben“ […]

    • Reply
      balufromtheblog
      27. Februar 2018 at 17:07

      Oh wie schön. Ein Lesetipp zu uns. Das freut uns aber wirklich sehr.

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